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Runde 2: Vom Verstehen ins Spüren

In “Das Spiel des Vergessens” habe ich versucht zu ergründen, was uns eigentlich ausmacht. Woher wir kommen, was uns prägt, wie das Spielfeld aussieht, in dem wir uns bewegen.

Jetzt möchte ich einen Schritt weitergehen. Wahrnehmen geschieht über zwei Ebenen, über den Verstand und über den Körper. Beide brauchen wir. Der Verstand hat im Buch schon einen grossen Teil des Weges übernommen, eingeordnet, erklärt. In dieser Runde geht es mehr um die zweite Ebene, um das, was sich nur spüren lässt.

Dabei möchte ich etwas aufnehmen, worin sich gerade viele wiederfinden. Es geht um den Prozess des Erwachens, oder wie ich lieber sage, um den Weg des Bewusstwerdens. Hier meine vereinfachte Sicht in fünf Phasen.

  1. Am Anfang steht der Weckruf. Der Boden wird weggezogen, ein Job, eine Beziehung, eine Diagnose, manchmal auch nur ein einzelner Moment, der alles infrage stellt. Wie aus einem sehr tiefen Schlaf, aus dem das Leben einen holt, ob man will oder nicht.

  2. Danach die Begegnung mit sich selbst. Jeder Trigger, jede Wunde, alle blockierten Emotionen, jedes alte Muster kommt an die Oberfläche, ein Spiegel, den man nicht mehr wegdrehen kann.

  3. Die abgespeicherten Emotionen. Trauer, Wut, Angst, alles will hindurch, manchmal gleichzeitig, als würde sich aufwirbeln, was sich über Jahre am Grund abgesetzt hat.

  4. Viertens die Integration. Man beginnt, sich in dieser neuen Version von sich selbst zu finden, und fragt sich zugleich, was jetzt kommt. Seltsam daran ist, dass sich hier oft die grösste Leere zeigt, ein Zwischenraum zwischen dem, was war, und dem, was noch nicht ganz da ist. Manchmal frage ich mich, ob nicht genau diese Leere das eigentliche Ziel ist. Sie bedeutet ja einfach zu sein, in diesem Jetzt, in dem Vergangenheit als Erinnerung und Zukunft als Gedanke wegfallen. Diese beiden Pole gleichzeitig zu halten fühlt sich manchmal ziemlich anstrengend an.

  5. Am Ende die Erweiterung. Eine tiefe Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen, mit dem Leben, vielleicht mit etwas Grösserem. Das frühere Selbst wirkt dann wie ein ferner Traum.

Dabei wechseln wir oft von einer Phase in die andere hin und her, wie ein Pendel, wie Wellen, manchmal vermischen sie sich auch. Mir geht es nicht darum, dass du dich in einer Phase verortest und dich auf die nächste konzentrierst, sondern dass du den ganzen Weg erkennst und diese Bandbreite bewusst lebst und durchlebst.

Hier möchte ich vor allem die dritte Phase aufnehmen. Das Durchfühlen. Nicht weil sie die schwerste ist, sondern weil sie die ist, bei der ich merke, wie sehr man sie am liebsten überspringen würde. Ja, das ist eine Phase, die auch weh tut. Der Verstand will erklären, einordnen, eine Geschichte daraus machen. Der Körper will etwas anderes, er will gespürt werden. Die Emotionen, die dort abgespeichert und blockiert sind, möchten sich zeigen.

An dieser Stelle eine Bitte, oder mehr eine Motivation, weil ich merke, wie wichtig sie ist. Lies das Folgende nicht einfach durch, sondern nimm dir in einem passenden Moment die Zeit, es wirklich auszuprobieren. Der Verstand versteht das schnell, der Körper braucht die eigene Erfahrung, erst im Tun zeigt sich, was gemeint ist.

Vielleicht praktizierst du das schon länger und oft. Dann nimm meinen Input als weitere Einladung, immer wieder neu dort einzutauchen. Für mich ist es einer der wichtigsten Prozesse überhaupt.

Was mir hilft, ist eine einfache Praxis. Am Morgen, noch im Bett, bevor der Tag beginnt und der Kopf übernimmt, halte ich kurz inne und frage mich hineinspürend, was mir mein Körper heute sagen möchte. Wie ich mich wirklich fühle, was er mir zeigen will.

  1. Zuerst lokalisiere ich, wo im Körper ich etwas spüre, im Bauch, im Solarplexus, im Herz, im Hals oder in der ganzen Brustregion.

  2. Dann schaue ich mir die Qualität an, ob es sticht, brennt, zieht, kreist oder drückt.

  3. Ich achte auf die Bewegung, ob es an einem Ort bleibt, ob es sich nach innen oder aussen bewegt, ob es wandert, enger wird oder weiter.

  4. Manchmal hat es fast eine Form, einen Zylinder, einen Stab, einen Kreis, eine Kugel, oder gar eine Farbe.

  5. Und dann kommt die Frage, die eigentlich zählt: was möchte es mir sagen? Welches Wort oder welcher Satz kommt, welches Gefühl, welche Bilder tauchen auf.

  6. Zuletzt frage ich, wohin es möchte, nach aussen, ins Herz, oder über den Hals hinaus.

  7. wirken lassen, nachspüren. hat sich das was sich gezeigt hat aufgelösst, ist es weicher geworden, friedlicher. Manchmal verschiebt es sich an einen anderen Ort und dann beginnst du einfach von neuem.

Ich glaube, diese Emotionen wollen vor allem eines: gesehen werden. Endlich wahrgenommen werden. Wir lassen sie noch einmal durch den Körper, fühlen sie erneut durch, weil wir sie schon einmal hatten und sie irgendwann, bewusst oder unbewusst, weggedrückt haben. Uns von ihnen distanziert, abgekoppelt haben.

Denselben Weg kannst du gehen, wenn dich eine Situation oder eine Person triggert. Statt sofort zu reagieren oder zu analysieren, hineinfühlen. Wenn es zu viel wird, zu viel Stress, zu viel Druck, komm zurück zu dir, ins Jetzt, aus dem Spüren heraus. Atme ein und doppelt so lange aus. Das reguliert dein Nervensystem.

Diese Technik ist eine Einladung, wieder in Kontakt zu kommen mit dem, was ohnehin schon da ist. Der Körper weiss meistens früher als der Verstand, worum es geht. Man muss ihn nur fragen und dann auch wirklich zuhören.

Falls dabei Fragen auftauchen oder etwas hängen bleibt, melde dich gerne. Ich nehme mir Zeit für Rückfragen und helfe, wo ich kann, besonders wenn es um die Arbeit mit dem Körper geht.

Danke, dass du dir die Mühe genommen hast, meine Zeilen zu lesen.

In herzlicher Verbundenheit

Myron